…wie haben Erwachsene in diesem Land ihre Kindheit überlebt? Saßen unangeschnallt auf dem Rücksitz des VW-Käfers, trugen keine Helme beim Fahrradfahren, hatten kein Handy mit GPS, waren nachmittags unbeaufsichtigt draußen auf Spielplätzen, ohne angeschlossenes Muttercafé. Manche Kinder machten angeblich Lagerfeuer, kletterten alleine auf hohe Bäume und bauten dort mit Hammer und Nägeln Baumhäuser. Mit Nägeln.
Warum nur ist Erziehung heute so kompliziert? Liegt es daran, dass die heute geborenen Kinder perfekt getimte Wunschkinder sind? Jedenfalls sitzen viele Eltern vor ihrem Kind wie vor dem ultimativen Lebenswunder. Ist ein Grund des elterlichen Handelns die Angst, das Kind könne später auf dem hartumkämpften Arbeitsmarkt nicht bestehen? Damit der Nachwuchs den ultimativen Lebensweg hinlegen kann, erhält er die bestmögliche Förderung, dazu muss man die Entwicklung des Kindes auch genau überwachen. Einem Drittel aller Kinder werden heute ergo-. psycho-, lern-, sprach- oder sonstwietherapeutische Maßnahmen verschrieben. Das alles kann in unglaublichen Stress ausarten, für die Eltern und auch die Kinder.
Es soll damit nicht gesagt werden, dass es solche Störungen nicht gibt. Aber kann es sein, daß sich die Vorstellungen davon, was ein “normales” Kind ist, verengt haben? Eltern heute pushen das Kind auf Teufel komm raus, damit es in der Welt bestehen kann. Und halten es möglichst lang eben von dieser Welt fern. Dabei sind noch immer ganz wichtig für eine gute Erziehung: Vertrauen haben und Zeit, Zeit, Zeit. Zeit für Nichtstun, vorlesen, zuhören. Oder einen Spaziergang - am besten ohne Kinder. Die spielen nämlich gerade irgendwo.


